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RELIGION UND KULTUS

1. Anfänge

Am Anfang steht eine Zeit ohne Gottesvorstellung: an Zauberriten erinnern die Lupercalia (luperci - Wolfsabwehrer), die Suovetaurilia, eine Prozession und Opfer von Schwein, Schaf und Rind.

An eine zweite Stufe (Fetischismus!) erinnern Lanzen und Schilde in der regia zu Rom, die an den Marsfesten von den tanzenden Saliern herumgetragen wurden; es war ursprünglich eine Lanze mit der magischen Kraft des Kriegsgottes; der Feldherr schüttelte sie bei Beginn eines Krieges und rief: Mars, sei wachsam - Mars, vigila!

In den di indigetes spiegelt sich naturgetreu das eintönige, arbeitsreiche Leben des Römers: da rief man Sondergötter für alle möglichen Einzelverrichtungen des Landlebens an, für Pflügen, Eggen und Säen, Jäten, Düngen, Mähen und Einführen, für das Keimen und Wachsen, Blühen und Reifen der Saat und für zahllose andere Dinge und Handlungen; Consus beschirmt die Ernte (condere: bergen), Flora die Blumen, Pomona das Obst, Fauna die Viehzucht und den Ackerbau; der Gott der Haustür war Janus, für den Misthaufen sorgte Sterculinus, Vesta beschützte den Herd, die Penates  die Vorratskammer. Concordia, Pudor, Virtus und Spes sind göttliche, aber nicht persönlich gedachte Wesen.

2. Entwicklung bis zur allgemeinen Übernahme der griechischen Religion

Aus dem Privatkult der königlichen Familie scheinen zunächst Ianus und Vesta zu Staatsgättern aufgestiegen zu sein. Als ursprüngliche Stammesgötter hatten die Römer die alte Dreiheit Iupiter, Mars und Quirinus aus ihrer indogermanischen Heimat mitgebracht.

Ianus war nicht nur Schützer der Türen, sondern zuerst auch Gott des Jahreslaufes, daher der Name für den elften Monat des rämischen Jahres, Ianuarius; erst seit 154/3 v. Chr. wurde der Jahresbeginn von März auf Jänner verlegt, weil die für 153 gewählten Konsuln aus praktischen Gründen schon im Jänner zur Unterdrückung eines Aufstandes nach Spanien gehen sollten. Bei allen Opfern wurde Ianus als erster angerufen, sein besonderer Priester war der rex sacrorum. Der kleine Janustempel in Rom (Ianus geminus, dessen Ianusgesicht doppelt gebildet nach Osten und Westen schaute) war zu Kriegszeiten offen, im Frieden geschlossen: dies soll nach Romulus nur einmal (258 v. Chr.) der Fall gewesen sein, unter Augustus jedoch dreimal.

Quirinus war ein alter Kriegsgott, der von einer der vorrömischen Gemeinden auf dem Collis Quirinalis verehrt wurde; später dient der Name als Beiname für Mars oder Romulus.

Saturnus, der alte „Saatengott“, wurde am 17. Dezember und den folgenden Tagen durch die Saturnalia gefeiert: das fröhliche Treiben leitete ein Saturnalicus princeps („Prinz Karneval“) ein; all dies erinnert an das „Goldene Zeitalter“ unter Saturnus als erstem Gott in Italien.

Alle Einzelgötter hatten klar abgegrenzte Aufgaben, blieben aber schattenhaft, ohne Persönlichkeit; bezeichnend hierfür ist das Wort numen - Willensäußerung neben deus. Bilder von Göttern und eine Mythologie kommen erst unter griechischem Einfluss auf.

Die Beziehungen zu anderen Völkern brachten jedoch schon früh neue Götter nach Rom. Die etruskischen Tarquinier erbauten in Rom den Kapitolinischen Tempel für die neue Götterdreiheit Iupiter, Iuno Regina und Minerva. Die latinische Diana kam damals nach Rom, ferner aus dem griechischen Kyme die Sibyllinischen Bücher, die als uralte, geheimnisvolle Orakelsammlung mit dem Apollokult verbunden waren. Ein sehr volkstümlicher griechisch-römischer Gott wurde Herakles/Herkules; ursprünglich wohl ein dorischer Stammesheros und vom Mythos überreich ausgestattet (12 Taten), zieht er nach ruhm- und mühevollem Erdenleben als Gott in den Olymp ein; Hebe, die Göttin der Jugendblüte und Mundschenkin der Götter, wird hier seine Gattin. über die Griechenkolonie Cumae nach Latium vordringend, nimmt er das Wesen mancher italischen Gottheit in sich auf; „mehercule“ sagten die Römer bei jeder Gelegenheit.

In der Zeit nach dem Hannibalischen Krieg kam die „Hellenisierung“ bereits zu einem gewissen Abschluss: es wurde der 12 Götterkreis der Griechen unter fast durchwegs römischen Namen durchgeführt. Der Dichter Ennius nennt die lateinischen Namen der 12 Götter in folgenden Hexametern:

     Iúno, Vésta, Minérva, Cerés, Diána, Venús, Mars,

     Mércuriús, Iovís, Neptúnus, Vulcánus, Apóllo.

Zeus - Iupiter:  (deus/dios-pater)

Jupiter ist der höchste Gott. Er sendet als Himmelsgott Regen und Schnee, Gewitter, Tag und Nacht. Seine Gattin ist Hera, beider Kinder sind Ares und Hephaistos; von anderen Frauen sind Apoll, Artemis, Aphrodite, die 9 Musen, Persephone und Dionysos. Aus seinem Haupt entsprang Athene. Seine Attribute sind Blitz, Szepter und Adler.

Eine der ältesten Kult- und Orakelstätten des Zeus und der Dione war Dodona in Epirus. Heilig waren ihm die Berge Olympos in Thessalien, der Berg Ida bei Troja und auf Kreta. Auch im ägyptischen Gott Ammon in der Oase Siwah glaubten die Griechen ihren Zeus zu erkennen; hier ließ sich Alexander der Große zum Sohn des Gottes erklären.

Hauptfest des Zeus waren die Olympischen Spiele. Die Zeitrechnung der Griechen nach Olympiaden datiert seit 776 v. Chr.; die Spiele selbst sind jedoch viel älter: Fünfkampf, Wagenrennen mit Viergespann, Pferderennen, später auch Vortrag von Reden und Gesängen, dazu Gemäldeausstellungen. Nach über 1000 Jahren 394 abgeschafft, wurden die Olympischen Spiele 1896 auf Betreiben des französischen Barons Pierre de Coubertin 1896 erneuert, und zwar als bewusste Wiedererweckung der antiken Spiele. Preis für die antiken Olympiasieger war ein Ölzweig, doch der galt als höchste Ehre.

Der römische Iupiter war derselbe indogermanische Himmelsgott wie Zeus und übernahm allmählich dessen gesamte Funktionen. Der Iupiter Tonans schickte den Donner, Pluvius den Regen, Victor den Sieg, Stator hemmt die Flucht, Iupiter Feretrius erhält vom römischen Feldherrn die Rüstung des getöteten Feindes, die spolia opima. Zusammen mit Iuno und Minerva wird er im großen Tempel auf dem Kapitol als Iupiter Capitolinus und Iupiter Optimus Maximus (I.O.M.) verehrt.

Hera - Iuno:     Schwester und Gemahlin des Zeus, war ursprünglich wohl eine Göttin des kretisch-mykenischen Kreises.  Später ist sie Königin des Himmels und Schützerin der Frauen, der Ehe und der Familie. Trotzdem musste sie beim Urteil des Paris hinter Aphrodite zurückstehen und war deshalb die erbittertste Feindin der Trojaner und später des Äneas. Berühmte Heratempel standen auf Samos und in Olympia.

Die Iuno der Römer trägt den Beinamen Pronuba (Stifterin der Ehe), Lucina (Geburtsgöttin), Moneta (Münzgöttin, in ihrem Tempel befand sich die Münzstätte).

ApollPhoibos Apollon war vermutlich ein kleinasiatischer Gott des Ackerbaus und zugleich Sonnengott. Nach der griechischen Sage ist er als Sohn des Zeus und der Leto auf der Insel Delos am Berg Kynthos geboren; seine Zwillingsschwester ist Artemis. Er war auch Gott der Weissagung (Delphi), später auch Gott des Gesanges und der Musik und führt die 9 Musen an (Musagetes - Musenführer). Jäger und Hirten beteten zum Apollon Lykeios (Wolfsabwehrer). Als Sonnengott verschmolz er schließlich mit Helios (Sol).

Ihm waren die Pythischen Spiele in Delphi geweiht; Lorbeer, Wolf und Schwan waren ihm heilig. Mit Kithara (Leier) und Bogen ist er am öftesten dargestellt.

Als Sohn des Apollon gilt Asklepios (Aesculapius), der Gott der Heilkunde und der Ärzte. Ursprünglich eine heilige Schlange, die mit der Entwicklung der Medizin zum Gott geworden ist; die gewundene Schlange „Äskulap Stab“) ist ihm als Abzeichen beigegeben. Sein berühmtestes Heiligtum stand in Epidauros in der Landschaft Argos; die Ärzte nannten sich als seine Jünger Asklepiaden; bei Aufnahme in den Ärztestand legten sie den strengen „Asklepiadeneid“ ab.

Artemis - Diana:  war im allgemeinen das weibliche Gegenstück zu Apollon; ihr Ursprung freilich liegt im Dunkeln: Todesgöttin, arkadische Jagdgöttin, Gottheit des Ackerbaus und der Tierwelt, Schützerin der Jugend und Jungfräulichkeit: von Nymphen begleitete Jägerin, Göttin der Keuschheit, Mondgöttin neben dem Sonnengott Apoll, gelegentlich mit Selene (Luna) und der thrakischen Hekate gleichgestellt.

Heilig sind ihr Hirschkuh, Jagdhund, Eber und Bär.

Ares - Mars:  Ares, vermutlich thrakischen Ursprungs, gilt als Sohn des Zeus und der Hera, Gott des mörderischen, zerstörenden Krieges, allen übrigen Göttern verhasst. Seine Begleiter sind Deimos (Furcht) und Phobos (Schrecken), Ker (die Göttin des gewaltsamen Todes) und andere Dämonen. Sein Sinnbild war der Speer und die brennende Fackel.

In schweren Notzeiten wurde ihm das ver sacrum gelobt, d.h. die Opferung aller Erzeugnisse des nächsten Frühlings. Sein heiliges Tier war die Wölfin: eine Lupa nährte die Marssöhne Romulus und Remus (das Wahrzeichen Roms, ein etruskisches Standbild). Dem Mars Ultor (Rächer Caesars) errichtete Augustus einen Tempel auf dem Forum Augusti.

Athene - Minerva: Nach dem griechischen Mythos ist sie in voller Rüstung aus dem Haupt ihres Vaters Zeus entsprungen und dessen Lieblingstochter. Beim Streit mit Poseidon um den Besitz Attikas sprach Zeus dem das Land zu, der das wertvollste Geschenk brächte; der Ölbaum der Athene siegte vor dem Pferd Poseidons. Der Ölbaum galt in Attika stets als unverletzlich, seine Rodung war bei Todesstrafe verboten.

Athene ist die Göttin des besonnen geführten Krieges und daher Beschirmerin kluger und tapferer Männer. Odysseus ist ihr bevorzugter Held. Sie wacht über Städte und Staaten, auch auf der Akropolis von Troja, aber auch über die friedlichen Künste, der Erfindungsgabe und Gesundheit der Menschen und besonders über weibliche Kunstfertigkeit. Eule und Ölbaum sind ihr heilig: sie trägt die Ägis, den schlangenumsäumten Brustpanzer mit dem Kopf der Gorgo Medusa, deren Anblick entsetzt und versteinert. In Athen war sie die jungfräuliche Göttin des Landes und er Stadt, ihr zu Ehren wurde das große Fest der Panathenäen alle vier Jahre, in jedem dritten Olympiadenjahr, gefeiert. Der Parthenon auf der Akropolis, unter Perikles erbaut, war und ist der schönste hellenische Tempel aus klassischer Zeit; Phidias, der größte Plastiker der Griechen, stellte darin die weltberühmte Goldelfenbeinstatue der Athena Parthenos auf, 12 m hoch (nur kleine Nachbildungen erhalten). Als Athena Nike (Siegesgöttin) besaß die Göttin neben Parthenon und Erechtheion auf der Akropolis den kleinen Niketempel.

Aphrodite - Venus:  wohl eine orientalische Fruchtbarkeitsgöttin, nach Homer Tochter des Zeus und der Dione, die in Dodona an Stelle der Hera als Gattin des Zeus weilt. Nach Hesiod ist Aphrodite dem Meer entsprossen, wozu die Deutung des Namens als „Schaumgeborene“ Anlass gibt. Sie ist Göttin der Liebe und Schönheit und erhält bei der „Schönheitskonkurrenz“ auf dem Berg Ida bei Troja von Paris den ersten Preis. Sie war auch Göttin des Frühlings, der Gärten und Blumen und neben Poseidon Gottheit des Meeres und der glücklichen Seefahrt. Taube und Myrte sind ihr heilig. Beigaben: Spiegel.

Schon bei Homer gilt sie als Gattin des hässlichen, rußigen Hephaistos. Ihr Sohn ist Eros (Amor). Die Göttin der Überredung (Peitho) und andere Genien begleiten sie. Ihrer Liebe zu dem sterblichen Anchises entstammt Äneas, der Ahnherr des Romulus und Remus. Zu Ehren ihres Liebling Adonis feierten die Athener im Hochsommer das Adonisfest; der Sage nach war Adonis auf der Jagd von einem Eber getötet worden, Zeus aber gewährte Aphrodite die Gunst, dass er einen Teil des Jahres auf der Oberwelt sich ihrer Liebe erfreuen dürfe.

Hauptkultstätten:  Paphos auf Zypern, die Insel Kythera, die Handelsstadt Korinth, der Berg Eryx auf Sizilien... Nach der Schlacht am Trasimenischen See  (217 v. Chr.) wurde der Venus Erycina in Rom ein Tempel auf dem Kapitol erbaut. Besonders verehrt wurde später die Venus  Genetrix als Stammmutter des Julianischen Kaisergeschlechts (durch ihren Sohn Äneas und ihren Enkel Ascanius-Iulus) und damit als Göttin des gesamtrömischen Volkes. Augustus erbaute ihr und der Göttin Roma am Forum einen großen Tempel.

Hephaistos - Vulcanus:  offenbar ein kleinasiatischer Gott, gilt als Sohn des Streites zwischen Zeus und Hera; schon bei der Geburt lahm, wurde er von Zeus aus dem Olymp ins Meer geworfen. Er wurde Gott des Feuers und aller Künste und Handwerke, die sich des Feuers bedienen; er schmiedet im Okeanos und unter jedem tätigen Vulkan: auf der Insel Lemnos; auf Sizilien unter dem Ätna, wo er mit den Kyklopen in einer Werkstätte arbeitet. Er fertigt die Blitze für Zeus.

Der römische Vulcanus vertrat die Gewalt des Feuers; durch Gleichsetzung mit Hephaistos wird er auch Gott der Schmiedekunst. Tempel auf dem Marsfeld. „Volcanalia“ im August. Gattin Maia, altitalische Göttin, der am 1. Mai vom flamen Vulcanalis geopfert wurde. (Monatsname Mai).

Hermes - Mercurius: Nach dem griechischen Mythos wurde Hermes als Sohn des Zeus und der Atlastochter Maia (griech. - Mutter) auf dem Berge Kyllene in Arkadien geboren. Er ist Bote der Götter (als Botin fungiert auch Iris), Freund der Menschen, denen er große Herden Vieh und unverhofften Gewinn verleiht, Schutzgott der Wanderer, der Wege und Straßen, der Kaufleute, ja auch der Diebe und Betrüger. Mit seinem Heroldstab (caduceus) schließt er die Augen der Menschen zum Schlaf, er führt die Seelen der Verstorbene in den Hades. Er trägt geflügelte, goldene Sandalen und einen Reisehut. Sein Kult war in Griechenland uralt, aber ohne glänzende Feste und Tempel. - Hermes des Praxiteles, Originalstatue im Museum zu Olympia, 4. Jhd. v. Chr.

Der römische Mercurius ist, wie sein Name (von „merx“ Ware) besagt, zunächst nur Gott des Handels und nimmt dann alle Eigenschaften des griechischen Hermes auf.

Poseidon - Neptunus: war bei den Griechen Bruder des Zeus und Beherrscher des Meeres. Gatte der Meerkönigin Amphitrite und Vater des Kyklopen Polyphemos, nach dessen Blendung er den Odysseus weiter über die Meere jagt, denn er sendet Sturm, Erd- und Seebeben ebenso wie eine glückliche Fahrt. Dem Poseidon Hippios war das Pferd heilig, das er in Attika einführte, noch jetzt werden zuweilen Wellen mit springenden Pferden verglichen: englisch: white horses, italienisch: cavalloni. Auch der Delphin war dem Poseidon heilig; ihm wurden die Isthmischen Spiele gefeiert. Seine Abzeichen sind Fisch und Dreizack (tridens, Harpune zum Fang großer Fische); großartiger Poseidontempel in Paestum (Poseidonia) am Tyrrhenischen Meer, südöstlich von Neapel.

Demeter - Ceres:  Göttin des Ackerbaues und der Fruchtbarkeit. Ihre Tochter mit Zeus ist Persephone - Proserpina oder Kore (Mädchen), die bei Henna, dem „Nabel Siziliens“, von Hades - Pluto in die Unterwelt entführt wird. Die herumirrende Mutter wird in Attika gastlich aufgenommen und lehrt zum Dank durch Triptolemos den Ackerbau; nach Beschluss des Zeus weilt Persephone schließlich die Hälfte des Jahres bei ihrem Gatten Hades, die übrige Zeit bei ihrer Mutter. Attribute der Demeter: Ähren, Sichel und Fackel. Hauptfeiern: die Thesmophorien in Athen und die großen Eleusinischen Mysterien. Eleusis liegt an der „heiligen Straße“ nordwestlich von Athen; im dortigen Weihetempel fanden die Gottesdienste („orgia“) statt, zu denen nur Eingeweihte Zutritt hatten, nachdem ihnen die Katharsis (Reinigung) zuteil geworden war. Durch die Befreiung von der Todesfurcht und durch die Hoffnung auf ein ewiges Leben wurden auch viele Gebildete zum Eintritt bewogen, daneben zog die große Prozession und der bunte, prunkvolle Gottesdienst alljährlich die Masse der Athener in ihren Bann.

Hestia - Vesta:  Die urgriechische Göttin Hestia war Göttin des Hauses und Herdes, Begründerin und Erhalterin der Familie und des Staates, zugleich Schirmerin des Gastrechtes und des heiligen Eides. So ist sie religiöser Mittelpunkt von Haus und Gemeinde; ihr opfert der Hausvater am Herd, ihr der König oder Staatsbeamte im Prytaneion (Rathaus). Das Staatsfeuer auf dem „Staatsherd“, an dem der einzelne sein erloschenes Feuer erneuern konnte, wird heiliges Gleichnis für Leben und Tod; als dessen Fortsetzung finden wir in unseren Kirchen das „ewige Licht“, ehrwürdiges Denkmal des Altertums: daher auch die Lichter auf dem Geburtstagstisch des Kindes, die Lichter am Altar und Sarg.

Die der Hestia gleiche römische Vesta wurde zusammen mit den Penaten im Rundtempel auf dem Forum verehrt; ihre Priesterinnen waren die Vestalinnen.

Dionysos - Bacchus: kam als Gott des Weines aus anderen Balkanländern (Thrakien) nach Griechenland. Er galt als Sohn des Zeus und der Kadmostochter Semele, in Theben geboren, von Nymphen aufgezogen, zieht er später mit diesen und dem alten Silenos, mit Satyrn, Priapos und dem bocksgestaltigen Pan („panischer Schreck“) in der Welt umher, um seinen Kult und den Weinbau zu verbreiten. Auf der Insel Naxos findet er die von Theseus verlassene Ariadne und macht sie zu seiner Gemahlin (Oper von Richard Strauß).

Als freundlicher Gott verleiht Dionysos den Menschen Stärkung und Frohsinn.   Neben  dem friedlichen Kult gab  es aber auch einen wilden Gottesdienst, bei dem er als Bakchos (Bacchus) oder Bromios in lärmenden, oft nächtlichen Festen besonders von Frauen gefeiert wurde; diese Bakchai oder Mänaden zogen mit Efeukränzen und Schlangen in den Haaren, Thyrsosstäbe und Fackeln schwingend, unter Paukenschall und Rufen, Flötenspiel und wilden Tänzen in den Wäldern.

Die Römer hatten als Gott der Fruchtbarkeit und des Weinbaues den Liber (pater), doch ging dieser ganz im griechischen Bacchus-Dionysos auf. Am Fest der Liberalia (17. März) erhielten die Knaben die Toga virilis (libera); unter dem Namen Bacchanalia wurden später ausgelassene nächtliche Feiern veranstaltet.

Hades - Pluto: ist der freudlose verhasste Gott der Unterwelt. Seine Gattin ist die Demetertochter Persephone. Da die Erde auch Reichtum, Metall und Getreide spendet, trägt er auch den Namen Pluton und ist ursprünglich identisch mit dem ähnlich genannten Plutos - Reichtum. Als Symbol trägt Hades eine unsichtbar machende Tarnkappe; die Zypresse ist ihm heilig.

Andere Götter der Nacht und Unterwelt waren Hekate, die Göttin der Kreuzwege; die Erinyen - Rachegöttinnen, „Furien“ mit blutigen Augen, Schlangenhaaren, gefletschten Zähnen, mit Fackeln, Geißeln und Schlangen in den Händen; um sie nicht durch Nennung ihres Namens zu reizen, nannte man sie auch Eumeniden, die „Wohlgesinnten“ (Euphemismus); die Todesgottheiten Thanatos - Tod (der Zwillingsbruder des Hypnos - Schlaf) und die Keren.

3 Parzen (Moiren): Schicksalsgöttinnen, sie teilen dem Menschen den Anteil am Leben zu und waren die Töchter des Zeus und der Themis. Klotho: spinnt den Lebensfaden; Lachesis: teilt das Lebenslos, die Länge des Fadens zu; Atropos: schneidet den Lebensfaden ab.

9 Musen (Mousai): Die Schutzgöttinnen aller geistigen Tätigkeiten. Töchter des Zeus und der Mnemosyne oder Harmonia oder auch des Uranos und der Gaia. Ihre Kultorte waren Pierien, der Helikon mit der Quelle Hippokrene und Delphi mit der Quelle Kastalia. Ihren Gesang führt Apoll als Musagetes (Musenführer).

Callíope: epische Dichtung;

Clio: Geschichtsschreibung; 

Eráto: Lyrik, erotische Poesie;

Eutérpe: Flötenspiel;

Melpómene: Tragödie;

Polyhýmnia: Tanz, Musik;

Terpsíchore: chorische Lyrik;

Thalía: Lustspiel;

Uránia: Sternkunde.

Die 5 Ströme der Unterwelt:   Styx, Acheron, Periphlegethon, Cocytos, Lethe

3. Mysterienkulte und orientalische Götter

Die homerische Religion verhieß keine Tröstungen und keine Sündenvergebung im Diesseits oder jenseits. Beides verhießen die Mysterien, darunter am wichtigsten die Orphischen  und Eleusinischen (cf. Demeter und Dionysos), und ebenso die orientalischen Religionen. Diese hatten seit alter Zeit ihren Einfluss auf Griechenland ausgeübt und gewannen immer mehr an Boden. Neben der kleinasiatischen Rhea Kybele (cf. Artemis) war die ägyptische Isis von Griechen und Römern durch fast 1000 Jahre bis 560 n. Chr. verehrt (Isistempel in Pompeii; Heiligtum auf dem Ulrichsberg in Kärnten und wahrscheinlich auf dem Frauenberg bei Leibnitz). Der ptolomäische Serapis stieg zu einem Allgott empor, in dem man schließlich Zeus und Hades, Helios und Eros zugleich anbetete.

Die meisten großen Gottheiten der römischen Religion sind aus Griechenland oder auf dem Umweg über Griechenland aus dem Orient nach Rom gekommen. Die griechischen Staatsgötter waren zu römischen Staatsgöttern geworden. gelegentlich wurde eine orientalische Gottheit auch direkt nach Rom übernommen: 204 v. Chr., in den Notzeiten des Hannibalischen Krieges, holten die Römer das Symbol der „Magna Mater“ Kybele nach Rom: es war ein Meteorstein, ursprünglich wohl ein Fetisch, eine europäische Parallele zur Kaaba in Mekka. Der Kult dieser Göttin erregte mit seinem fremdartigen Treiben allerdings großen Anstoß und das „senatus consultum de Bacchanalibus“ (186 v. Chr.) legte ihm strenge Beschränkungen auf.

Gegen Ende der Republik waren die alten römischen Götter und Feste fast in Vergessenheit geraten. Der Staatskult mit seinen lästigen Vorschriften wurde noch aufrecht erhalten, doch suchten sich die Privatleute ihrer religiösen Verpflichtung zu entziehen; die Priester wurden vom Volk gewählt, die Religion völlig abhängig von Politik und Parteiwirtschaft. Kaiser Augustus suchte durch Wiederbelebung der alten Religion, durch Neubau verfallener Tempel, durch Vereinigung des Prinzipats mit der obersten Priesterwürde des Pontifex Maximus seine politische Macht zu stützen. Sein Hauptgott wurde Apoll, dem er den Sieg von Actium zu verdanken glaubte, das Säkularfest (17 v. Chr.) verherrlichte die Götter des Kaiserhauses und den Kaiser selbst als Bringer einer neuen Zeit. Augustus selbst ließ sich zu Lebzeiten in den Provinzen durch Tempel „des Augustus und der Roma“ verehren, nach seinem Tod wurde er auch in Italien zum Divus Augustus. Kaiser Aurelian (270-275) ließ sich, als Abschluss dieser Entwicklung, zu Lebzeiten und in Rom selbst als „Herr und Gott“ anbeten, der Kaiserkult war Reichsreligion geworden.

In der Zeit der Flavischen Kaiser begann eine orientalische Gottheit, der persische Lichtgott Mithras, seinen Siegeszug in die römische Welt, der „unbesiegbare“ Soldatengott. Vieles in diesem Kult war dem Christentum ähnlich: Taufe, Firmung, Abendmahl; der Gottesdienst fand in geschlossenen Räumen (Mithräen) statt, in denen sich ein Kultbild des Mithras mit dem Stier befand. Der dem Sonnengott Mithras geweihte Sonntag, nicht der jüdische Sabbath, wurde später Feiertag der Christen. In Pettau (Poetovio) sind 3 Mithräen erhalten und je eines in Carnuntum und bei Mörbisch am Neusiedlersee.

4. Priesterschaften und Kultvereinigungen

In Rom wurden die Kulthandlungen (sacra privata) vom einzelnen bzw. vom pater familias, für die gens von einem für diesen Zweck erwählten Opferpriester (flamen) verrichtet; die öffentlichen sacra wurden von den Magistraten und Priestern gefeiert.

Die hohen Priestertümer waren Ehrenämter.

Pontifices: 15 Mitglieder standen unter dem Pontifex Maximus, dem geistlichen Nachfolger des Königs,  und hatten durch ihre Entscheidungen auf das Familienrecht und alle Fragen des Kultes Einfluss. Sie wurden zu Sühneopfern, Gelübden und Tempelweihungen herangezogen, ordneten den Kalender und führten die Listen der jährlichen Magistrate und die Aufzeichnungen der Jahresereignisse (annales). Seit Augustus war der Kaiser jeweils auch Pontifex Maximus; ihm war der Rex Sacrorum als zweithöchster Priester unterstellt.

Flamines: (= die das Opferfeuer anblasen) waren Einzelpriester für den täglichen Opferdienst ihrer Götter. Flamines maiores (flamen Dialis für Jupiter, flamen Martialis für Mars und flamen Quirinalis für Romulus)aus patrizischem Geschlecht und 12 flamines minores (Carmentae, Florae, Pomonae, Vulcani...) aus plebejischem Geschlecht. , in der Kaiserzeit der flamen divi Augusti...). Begleitung eines Liktors, sella curulis, toga praetexta).

Virgines Vestales: 6 Priesterinnen der Vesta, hatten das ewige Feuer im Vestatempel zu hüten, Opfer darzubringen und die Heiligtümer zu bewachen. Die Priesterinnen wurden aus vornehmen Mädchen von 6 bis 10 Jahren ausgewählt und mussten nach mehrjähriger Ausbildung für 30 Jahre das strenge Gelübde der Keuschheit ablegen. Wegen der Heiligkeit ihres Dienstes standen sie in hohem Ansehen.

Auguren: (Vogelschauer): waren ein 16er Kollegium, das die Auspizien der Magistrate zu deuten hatte; der  Beamte  war  ja  zum  Auspizium  verpflichtet,  um  die  Erlaubnis  des Gottes für seine Staatshandlung einzuholen. Vor allem beobachtete der Augur das Vogelzeichen, indem er mit Stäbchen ein Rechteck (templum - hl. Raum, Bezirk) absteckte, von dem aus er dann am Himmel erscheinende Vögel erwartete; kamen sie von Osten, d.h. von links, weil der Augur nach Süden gerichtet vor seinem Zelt (tabernaculum) saß, so waren sie günstig.

Haruspices: waren etruskische Zeichendeuter, die den göttlichen Willen aus Herz, Leber und Lunge der Opfertiere deuteten; in der Kaiserzeit gab es in Rom 60 Haruspices.

Sacerdotes Sibyllini: hatten auf Befehl des Senates die Sibyllinischen Bücher einzusehen, um bei Pest und Erdbeben, Unglück und Niederlagen die Sühnung der Götter zu erkunden.

Kultvereinigungen:

Fratres Arvales (=Flurbrüder) veranstalteten in alter Zeit Flurumgänge zur Entsühnung. Zu ihren Aufgaben gehörten auch Gelübde und Opfer für den Herrscher. Das uralte Kultlied (carmen arvale), zu dem die Mitglieder der Bruderschaft im Dreischritt tanzten, ist noch erhalten.

Fetiales: ein Kollegium von 20 Priestern, das über das Völkerrecht wachte. Ihre Aufgaben:

    1.  Mitwirkung beim Abschluss von Verträgen

    2.  Gesandtschaft zu Nachbarvölkern, um Genugtuung zu fordern

    3. Kriegserklärungen: sie schleuderten eine blutgetränkte Lanze ins Feindesland und sprachen dazu eine vorgeschriebene Formel.

Salii: ehrten 2 mal im Jahr durch Waffentänze Mars. Ihre Umzüge erfolgten mit dem vom Himmel gefallenen Schild des Gottes und 11 Nachbildungen dieses Schildes.

Luperci: Kultvereinigung im Dienste des Bauern- und Hirtengott Faunus. Im Februar veranstalteten sie in Ziegenfelle gehüllt einen Lauf um den Palatin. Diente zur Entsühnung von Stadt, Mensch und Tier.

Jeder Gott wurde an einer heiligen Stätte (fanum) verehrt, was außerhalb dieses Bereiches lag, war profanum (profan). Es gab heilige Haine, Altäre und Kapellen und Gotteshäuser (sedes, templa). Der Tempel war Wohnhaus des Gottes und nur den Priestern zugänglich; das Volk betete und opferte am Altar vor dem Tempel. Für die staatlichen  Kulthandlungen war die Beteiligung des Volkes nicht erforderlich; in den meisten Tempeln fand kein regelmäßiger Gottesdienst statt, sondern nur einmal im Jahr das große Stiftungsfest des  Gotteshauses.

Mittelpunkt des Gottesdienstes bildete das Opfer: die Opfertiere (hostiae) mussten fehlerlos und zur Arbeit noch nicht herangezogen sein. Vor Gebet und Opfer gebot der Priester Schweigen („favete linguis!“). In Notzeiten wurden Bettage (supplicationes) angeordnet, die dann oft mit Göttermahlzeiten (lectisternia) verbunden waren; man legte die Götterbilder auf Polster und setzte ihnen Speisen vor. Häufig waren bei den Römern Gelübde (vota), daneben auch Todesweihe, devotio, der eigenen Person und der Feinde.


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