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Plinius, Epistulae III 16, 1-7

Die wahre Größe der älteren Arria

C. PLINIUS NEPOTI SUO S.

Adnotasse videor1 facta dictaque virorum feminarumque alia clariora esse alia maiora. Confirmata est opinio mea hesterno Fanniae sermone. Neptis haec Arriae illius, quae marito et solacium mortis et exemplum fuit.2 Multa referebat aviae suae non minora hoc sed obscuriora;3 quae tibi existimo tam mirabilia legenti fore, quam mihi audienti fuerunt. 

Aegrotabat Caecina Paetus maritus eius, aegrotabat et filius, uterque mortifere, ut videbatur. Filius decessit eximia pulchritudine pari verecundia, et parentibus non minus ob alia carus quam quod filius erat. Huic illa ita funus paravit, ita duxit exsequias, ut ignoraret maritus; quin immo quotiens4 cubiculum eius intraret, vivere filium atque etiam commodiorem esse5 simulabat, ac persaepe interroganti, quid ageret puer, respondebat; 'Bene quievit, libenter cibum sumpsit.' Deinde, cum diu cohibitae lacrimae vincerent prorumperentque, egrediebatur; tunc se dolori dabat; satiata siccis oculis composito vultu redibat, tamquam orbitatem6 foris reliquisset.

Praeclarum quidem illud eiusdem, ferrum stringere, perfodere pectus, extrahere pugionem, porrigere marito, addere vocem immortalem ac paene divinam: 'Paete, non dolet.' Sed tamen ista facienti, ista dicenti, gloria et aeternitas ante oculos erant; quo maius est sine praemio aeternitatis, sine praemio gloriae, abdere lacrimas, operire luctum, amissoque filio matrem adhuc agere.7

1 (mihi) videor: ich glaube; 2 Arria, die Gattin des Caecina Paetus stieß sich einen Dolch in die Brust, als ihr Gatte zögerte, sich durch Selbstmord der Hinrichtung zu entziehen; 3 obscurus 3: wenig bekannt; 4 quotiens + Konj.; 5 commodior sum: es geht mir besser; 6 orbitas, tatis: Verlust; 7 matrem agere: Mutter spielen

 

 

Übersetzung

 

C. PLINIUS GRÜSST SEINEN NEPOS

 

Ich glaube bemerkt zu haben, dass die einen Taten und Aussprüche von Männern und Frauen berühmter sind, andere größer. Meine Auffassung ist gestern durch ein Gespräch mit Fannia bestätigt worden. Es ist dies die Enkelin jener Arria, die ihrem Gatten sowohl Trost als auch Beispiel im Tod war. Vieles erzählte sie von ihrer Großmutter nicht Geringeres als dieses, aber weniger Bekanntes; und das wird dir, wie ich glaube, so wunderbar sein, wenn du es liest, wie es mir war, als ich es hörte.

 

Es erkrankte Caecina Paetus, der Mann der Arria, und es erkrankte auch ihr Sohn, beide todkrank, wie es schien. Der Sohn starb, ein außergewöhnlich hübscher und sittsamer junger Mann, den Eltern nicht nur deshalb lieb, weil er ihr Sohn war. Diesem bereitete jene so das Begräbnis, vollzog so seine Bestattung, dass ihr Gatte nichts davon merkte: Ja, sooft sie sein Krankenzimmer betrat, tat sie so als lebte der Sohn und als ginge es ihm sogar besser, und auf seine wiederholte Frage, wie es dem Knaben gehe, antwortete sie: "Er hat gut geschlafen und gern gegessen." Hierauf, als die lang zurückgedrängten Tränen sie überwältigten und hervorstürzten, ging sie hinaus; dann gab sie sich dem Schmerz hin; nachdem sie sich ausgeweint hatte, kehrte sie mit trockenen Augen und gefasster Mine zurück, als ob sie den Verlust draußen gelassen hätte.

 

Sicherlich ist auch jenes derselben großartig, den Dolch zu zücken, die Brust zu durchbohren, den Dolch herauszuziehen, dem Gatten hinzureichen und ein unsterbliches und beinahe göttliches Wort hinzuzufügen: "Paetus, es tut nicht weh." Aber dennoch stand ihr, als sie das machte und das sagte, der ewige Ruhm vor Augen; und umso größer ist es, ohne Lohn der Ewigkeit und ohne Lohn des Ruhmes, seine Tränen zu verbergen, die Trauer zu verstecken und trotz Verlust des Sohnes noch die Mutter zu spielen.

 

 


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